:: Helden ade?
Eigentlich wollte ich mich ja nie zum Thema Doping äussern, überlasse ich lieber anderen. Eine ergiebige Quelle gleichermassen trauriger wie interessanter Infos hierzu ist cycling4fans.de.
Aber jetzt hat es auch den letzten der "Helden" erwischt, unseren Ulle. Und mit der ganzen Operation Puerto ist eine Lawine ins Rollen gekommen und eine Diskussion losgetreten worden, aus der ich mich auch nicht ganz raushalten will. Also sag ich doch mal, was ich so denke. Das ist weitgehend unabhängig davon, was bei den Ermittlungen in Spanien letztendlich herauskommen und in Sperren und Sanktionen für die betroffenen Fahrer resultieren wird.
:: 31. Juni 2006: Der Super-Gau
Am besagten Vortag des Prologs schalteten wir morgens ahnungslos den Rechner an, um im Internet die neuesten Nachrichten zur Tour zu lesen. Und diese Nachricht prangte in grossen Lettern bei radsport-news: Ullrich raus, Basso raus, Sevilla raus, Mancebo hat Karriere beendet, alles im Eimer. Wir trauten unseren Augen kaum und versuchten, genauere Informationen zu bekommen, aber die Sache war Fakt. Im Fernsehen liefen die ersten Sondersendungen, wir lernten Herrn Frommert kennen, der die bitteren Neuigkeiten verkünden durfte. Aus der Traum vom grossen Duell, die Vorfreude dahin, die Tour enthauptet! Nach dem ersten Schreck setzte dann die Wut ein, später dann die Resignation, dass jetzt eben jemand gewinnen wird, dessen Blutlabor noch nicht ausgehoben wurde. Die Tour war zur Farce geworden, den Prolog haben wir uns nicht angesehen.
:: Aller bösen Buben sind drei?!
Das war alles umso trauriger, als dass nun der dritte unserer "Helden" einen wenig rühmlichen Weg eingeschlagen hat und zur Zeit mit der Situation wohl taktisch geschickt, aber ansonsten enttäuschend umgeht. Unser harmlos-netter Ulle, der Tourgott, der kein Wässerchen trüben konnte und stets sein Sauberkeit betont hat, nun mittendrin im Morast. Der melancholische Bergkönig Pantani war schon über die Jahre hinweg schleichend als Kokain-Junky zu Grunde gegangen, Armstrong ging seinem Naturell entsprechend aggressiv vor und ist nun als siebenmaliger(!) Toursieger ebendort eine persona non grata, die sich durch die Hintertür einschleichen muss. Jean-Marie Leblanc hat keine Scheu mehr, ihn öffentlich als des Dopings überführt zu bezeichnen. Auch ein trauriger Niedergang. Dann haben wir versucht, möglichst viele Informationen darüber zu bekommen, was tatsächlich in Spanien herausgefunden wurde. Zwar haben die Team sofort dramatische Konsequenzen gezogen, es war aber kaum herauszufinden, auf welchen Ermittlungsergebnissen diese beruhten. Hijo di Rudicio und Birillo, SMSe, Doping-Protokolle mit dümmlichen Tarnnamen - die Informationen flossen nur spärlich durch die Medien zu uns, es wurde viel spekuliert. Die Beschuldigten tauchten ab und trugen nichts zur Erhellung bei. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Hier ein paar Videos aus der ZDF-Mediathek :

Das Netz des Dr. Fuentes
Damoklesschwert Doping
Doping ist ein kriminelles Delikt

Und eine Chronik der Ereignisse gibts bei cycling4fans.de. Mittlerweile kann man im Netz auch die übersetzten Ermittlungsprotokolle der spanischen Behörden nachlesen, ehrlich gesagt, da hätte ich auch etwas mehr erwartet, inhaltlich und formal.
:: Was den Radpanther besonders aufregt
In den vergangenen Wochen gabs viele Diskussionen und man hatte mal richtig Gelegenheit, sich über alle Aspekte Gedanken zu machen. Viele Dinge sind da wohl aus dem Ruder gelaufen und einige nerven mich besonders:
:: Kann man da noch mitfiebern?
Der Generalverdacht, in dem sich zumindest der Profi-Radsport befindet, macht genau das kaputt, was wir an diesem Sport so mögen: Die besondere persönliche Leistung, das Überwinden der eigenen Grenzen, der leidenschaftliche Kampf Mann gegen Mann, den nur der Stärkste gewinnen kann. Sobald aber dieser "Stärkste" dem Verdacht ausgesetzt ist, seine Überlegenheit nur der besseren Apotheke zu verdanken und seine Leidenschaft aus der letzten Testosteron-Dosis stammt, ist dieser Reiz dahin. Jüngstes Beispiel ist natürlich die Alleinfahrt von Floyd Landis : Am einen Tag von den Optimisten noch bejubelt als Jahrhundertleistung, als die Wiederauferstehung eines Wagemutes aus längst vergangenen Zeiten, von den Pessimisten aber sogleich verurteilt als völlig unglaubwürdige Formsteigerung, die nur durch Einsatz illegaler Methoden möglich sei. Und schon wenige Tage später bekamen letztere Recht.
"Das wahre Krebsgeschwür in unserem Sport ist, dass die Rennfahrer sich gegenseitig nicht trauen. Wenn jemand gewinnt, fragt man sich sogleich: Was hat er genommen? Ich hoffe, dieses Mißtrauen wird abnehmen. Wird es ganz verschwinden? Wahrscheinlich nicht. Ich bin seit 30 Jahren im Radsport und ich habe es nie anders gekannt."
Hein Verbruggen, UCI-Präsident, 2000.
Man traut sich kaum noch, diese Leistungen begeistert anzuerkennen, weil man Gefahr läuft, nach dem nächsten Test als naiver Trottel dazustehen, der weltfremd an die Ehrlichkeit des Sports glaubt. Jubeln erst nach der B-Probe? So kann das keinen Spass machen.
"Es werden sicherlich noch viel wirksamere Mittel gefunden werden als EPO. Die Zeit wird zeigen, wieviel Maschinisierung der Sport vertragen kann, bevor er sich in etwas anderes verwandelt, für das es noch keinen Namen gibt."
Peter Winnen, Post aus Alpe d'Huez.
:: Sie stellen sich dumm.
Die Heuchelei des ganzen Milieus nervt. Keiner weiss was, keiner hat etwas gesehen, alle sind total überrascht, schockiert und haben mit allem nichts zu tun. Nicht nur die Fahrer, gerade auch die Teamleiter, die Ärzte, die Verbände. Daran glaube ich nicht. Selbst wenn sie nicht aktiv in die Doping-Praxis eingreifen, so profitieren sie doch davon, wenn ihre Fahrer sich zu höheren Leistungen pushen.
"Der spuckt in die Suppe, die wir alle löffeln."
Daniele Nardello über Filippo Simeoni
Damit stehen sie in der besonderen Pflicht, ihren Laden absolut sauber zu halten und den Fahrern genau auf die Finger zu schauen, um nicht selber in Verdacht zu geraten. Die bei T-Mobile gezogenen Konsequenzen zu Lasten der Leitung finde ich daher gut: Ihr habt vielleicht nicht mitbekommen, was Eure Leute da abgezogen haben, aber gerade das ist Eure Schuld, dafür tragt ihr die Verantwortung! Wenn ich jetzt den Phonak -Chef höre, er und das Team hätten nach der Kündigung von Landis nichts mehr mit dessen Fall zu tun, das wäre jetzt seine "Privatangelegenheit", dann wird mir schlecht. In der "Tour" posiert er noch stolz mit dem gelben Floyd und ohne Dopingtest hätte er sich ewig damit gerühmt. Jetzt lässt er ihn fallen wie die olle Kartoffel und macht einen auf unschuldig - bah. Dieser Skandalrennstall gehört sofort geschlossen.
:: Es ist so schmutzig.
Milieu - das ist genau der richtige Ausdruck für das, was sich uns da gerade offenbart. Mafios organisierte Strukturen, dealende Dunkelmänner, pseudomedizinische Methoden, der eher in Frankensteins Horrorlabor gehören, die Omerta.
"Du Bastard wärst tot,wenn ich dir alles injiziert hättest, was du wolltest, du Hurensohn!"
Willy Voet zu Richard Virenque
Ich weiss nicht, wieviel Wahres tasächlich an den Berichten eines Jesus Manzano dran ist (und nicht nur an seinen, man denke an die Bücher von Paul Kimmage, Peter Winnen, Willy Voet oder Phillippe Gaumont ). Aber wenn auch nur die Hälfte stimmt, dann muss man sich schämen, Anhänger dieser Sportart und ihrer verborgenen unglaublichen Subkultur zu sein.

Manzano im Aktuellen Sportstudio am 30.7.2006:
Mit Hundehämoglobin durch die Berge
Jeder hat gedoped
Man wird süchtig
:: Die Verkündigung der "sauberen Tour"
Dieselben Leute sahen angesichts des Skandals ihre Felle davon schwimmen und fingen gleich an, den ganzen am Radsport klebenden Schmutz mit den ertappten Fahrern in einem Aufwasch loswerden zu wollen, um selber schnell mit reiner Weste dazustehen. Lauthals wurde die saubere Tour verkündet. Die Prominenz der Sündenböcke garantierte dazu mediale Aufmerksamkeit ohne Ende. Das kam mir vom Fall Pantani nur allzu bekannt vor.
"Regeln ja, aber sie müssen für alle gleich sein."
Marco Pantani, "Vermächtnis" im Reisepass .
Zum Glück haben die Beteiligten aber mittlerweile erkannt, dass es damit nicht getan sein wird und ihnen die Nummer niemand mehr abkauft. Der Eisberg hatte zwar seine Spitze verloren, aber der Rest taucht eben wieder ein Stück nach oben auf. Und dann geht das Theater von vorne los.
:: Sie wollen uns für dumm verkaufen.
Wer erwmscht wird, der leugnet erstmal. Der erzählt hanebüchene Geschichten von Potenzmitteln aus Oma's Kräutergarten, vom Hormonschub aus der Bierflasche, oder von ungeborenen Zwillingsbrüdern im Knochenmark. Es werden Anwälte engagiert, die gegen jede wissenschaftliche Lehrmeinung erstmal die Testmethoden nach Gutdünken anzweifeln und mit formalen Spitzfindigkeiten die Tatsachen weglabern wollen. Es wird gelogen, gemauert und auf Zeit gespielt, in der Hoffnung, dass das Medieninteresse irgendwann nachlässt.
"Doping ist für mich, wenn einer positiv erwischt wird.", Jan Ullrich
Oder es wird die nationalistische Verschwörungs-Keule ausgepackt, nach der Amerikaner in Europa und in Frankreich im speziellen grundsätzlich aufs Kreuz gelegt werden. Die Art und Weise wie die Jungs mit dem Erwischtwerden umgehen finde ich oft jämmerlicher als das Delikt selber. Sie wollen nicht kriminalisiert werden (ach, das bisschen Doping!) verhalten sich aber auf der Anklagebank so verschlagen und unehrenhaft wie die gemeinen Verbrecher.

Ulle lehnt Erklärung ab
:: Fazit:
Ich will wieder ungetrübten Spass auch am Profi-Sport haben! Ich möchte eine Leistung anerkennen dürfen, ohne mich erst mit drei Polizeirazzien und fünf Doping-Tests absichern zu müssen. Ich will nicht mehr daran glauben müssen, dass die Apotheke flächendeckend dieselbe Rolle spielt, wie das Material, die Renntaktik, der Siegeswillen, der Trainingsfleiss und alles andere, worauf ich als naiver Zuschauer den radsportlichen Erfolg zurückführe. Machen wir uns nichts vor, Doping wird es immer irgendwo geben, aber bitte als Randerscheinung dort, wo es milieumässig hinpasst, in die dunklen Katakomben irgendwelcher Sechstagebahnen!
:: Die Medaille hat zwei Seiten
Die formale Seite ist klar - wer doped, verstösst gegen die Regeln, wollte sich illegal Vorteile verschaffen und hat die Konsequenzen zu tragen. Was ist aber mit der moralischen Seite? Wer ist Opfer, wer ist Täter oder beides gleichzeitig?
:: Die Neunziger Jahre
Ullrich fährt seine erste Tour 1996, zusammen mit Bjarne Riis, ehemaliges Mitglied der Gewiss-Ballan-Mannschaft, die Anfang bis Mitte der neunziger Jahre erstaunliche Erfolge und ebenso erstaunliche Hämatokrit-Werte feierte.
"Es gab ein Radrennfahren vor EPO, und es gibt ein Radrennfahren danach. Peter Winnen, Post aus Alpe d'Huez.
Riis Spitzname Mr. 60% (tatsächlich waren es "nur" 56%) stammt aus dieser Zeit, der Hochzeit des EPO-Doping. Dazu gibt es einen interessanten Artikel in FAZ-online: Klettermaxes Treibstoff.
Und einen weiter wieder bei cycling4fans.de: Die 90er Jahre.
"...wir konnten dann nicht einschlafen, weil uns das aufdringliche Geräusch eines Generators nervte. Wir standen auf und bemerkten, dass das Geräusch aus dem Zimmer nebenan kam. Wir schauten uns an. Den Radau machte ja einer von uns, staunten wir und gingen rein. Da trainierte Bjarne auf der Rolle mit Widerstand, um einen Berg zu simulieren, weil er aus den Tagen zuvor nur Flachetappen in den Beinen hatte.", Udo Bölts über ein abendliche Erlebnis bei der Tour 1997 in Quäl Dich, Du Sau!
Wer waren jetzt und in den folgenden Jahren seine Konkurrenten? Riis selber, Richard Virenque, Schlüsselfigur im Festina-Skandal 1998, sein Teamkollege Alex Zülle, Marco Pantani, mittlerweile zum Inbegriff des am Doping zerbrochenen Radprofis geworden, schliesslich dann Lance Armstrong, der zwar stets mehr oder weniger begründeten Verdächtigungen ausgesetzt war, aber erst nach Karriereende und juristisch nicht verwertbar des EPO-Konsums überführt wurde und zuletzt Ivan Basso, sein unmittelbarer Konkurrent um den Toursieg, der ebenfalls bei Fuentes auf der Liste steht. Dazu kommt die zweite Garde um Tyler Hamilton, Raimondas Rumsas, Gilberto Simoni, David Millar und wie sie alle heissen, die Dreck am Stecken haben und in der Spitze mitmischten. Rückblickend muss man sich schon fragen, warum man jahrelang geglaubt hat, dass Ulle nur mit seinem sagenumwobenen Talent da hätte mithalten können.
:: Der Zweite ist schon der erste Verlierer
Und selbst wenn er es tatsächlich gekonnt hat, es gab genug "Experten", denen das nicht genug war, für die der Zweite schon der grösste Versager war, der unprofessionelle Faulpelz, der sich im Winter Speck anfrisst und faul auf der Couch liegt. Sind es nicht dieselben "Experten", die jetzt am heftigsten auf ihn einschlagen, die sich jetzt zum zweitenmal persönlich enttäuscht und betrogen fühlen?
"Aber was heisst das überhaupt? Doping? Irgendetwas nehmen, das auf der Verbotsliste steht? Und warum? Zu dopen meint doch nur, seine Leistung steigern zu wollen - um eine bessere Show abzuliefern, um Träume blühen zu lassen. Sportler werden bezahlt, weil sie die Menschen träumen lassen."
Christina Jonsson, Freundin von Pantani, in "Marco Pantani" von John Wilcockson.
Was bleibt einem übrig, um in diesem sportlichen Umfeld konkurrenzfähig zu bleiben und dem öffentlichen Erwartungsdruck standzuhalten? Friss Vogel oder stirb!? Hat er schon immer zugegriffen oder meinte er, damit zum Karriereende nochmal was rausreissen zu müssen? Ist er sportlich in einer Welt gross geworden, in der es völlig normal ist, mit diversen Mittelchen nachzuhelfen, wo mit dem sportlichen Niveau auch die Effizienz und der Aufwand dieser Methoden steigt und niemanden mehr deswegen ein schlechtes Gewissen plagt? Wo man von Funktionären und Teamleiter betreut wird, die aus derselben Schule stammen und über alles ihre schützende Hand halten? Wo man überzeugt ist, der Öffentlichkeit nur das zu bieten, was diese schlussendlich will, den werbewirksamen und das eigene Ego aufbauende Sieg des Idols? Und man daher auch keinen Grund sieht, sich dafür schuldbewusst rechtfertigen zu müssen? Wer kann das beurteilen? Vielleicht redet er eines Tages.
:: Und trotzdem besteht Hoffnung
In der Vergangenheit haben schon einige Ex-Pro's ausgepackt, wurden von der Öffentlichkeit aber kaum beachtet, ist ja auch bequemer. Von der Zunft wurden sie als Nestbeschmutzer diskreditiert und noch während des Rennens mit fragwürdigen Methoden gemassregelt und gemobbed, nicht wahr, Herr Armstrong?
"Es war ein Fehler von dir gegen Ferarri auszusagen. Und es war ein Fehler mich zu verklagen. Ich habe viel Geld und Zeit und zig Anwälte. Ich kann dich zerstören!"
Lance Armstrong zu Simeoni
Manzano wird zur Prime-Time interviewt, selbstverständlich auch, weil es im Moment der Quote dienlich ist, aber seine Berichte kann niemand mehr ignorieren. Die Politik schaltet sich ein, übt Druck auf die Verbände aus, damit die ihren Laden wieder in den Griff kriegen. Die Medien drohen mit Boykott, damit geht es ans Geld und das tut besonders weh. Gedoped wird da, wo man an die Wirkung glaubt, die mehr Erfolg und mehr Geld verspricht (und das natürlich nicht nur im Radsport!). Und wenn sich nun dieses ur-professionelle Motiv zum Doping ins Gegenteil verkehrt, dann ist das Übel bei der Wurzel gepackt. Doping darf nicht länger als das halbseidene, gleichermassen abstossende wie reizvolle Anhängsel das Radsports daherkommen.
"Das Wort Doping besitzt die gleiche Anziehungskraft wie das Wort Pornografie.", Peter Winnen, Post aus Alpe d'Huez.
Vielleicht setzt hier gerade ein Wandel im Bewusstsein ein. Null-Toleranz ist jetzt angesagt. Schauen wir mal, wie lange das anhält - man vergisst ja so leicht. Aber zuerst rollt die Lawine weiter und bezieht auch andere Sportarten wie Schwimmen und die Leichtathletik mit ein. Radsport als Initialzünder und Vorreiter im Kampf gegen Doping im Leistungssport - da bin ich ja mal gespannt.
Weg aus der Krise
:: Und was ist jetzt mit unseren Helden?
Ullrich, Armstrong, Pantani - mehr oder weniger gefallene Helden mit jeweils völlig unterschiedlicher Art und Weise, mit den Anschuldigungen umzugehen. Bei Ullrich kennen wir den Ausgang der Geschichte zur Zeit noch nicht. Und trotz allem: Sie waren es, mit denen wir zum Radsport gekommen sind, deren Gesichtern man ansehen konnte, dass sie, gedoped oder nicht, das letzte gegeben haben - Andorra-Arcalis 1997, Les Deux Alpes 1998, Hautacam 2000, Mont Ventoux 2000, Alpe d'Huez 2001, Cap Decouverte 2003 - das werden immer die legendären Etappen bleiben, die uns im Gedächtnis haften bleiben, die wir mit Leidenschaft verfolgt haben und die wir uns zur Motivation im Winter auf der Rolle als DVD ansehen werden. Fühl ich mich von ihnen betrogen? Nein. Haben sie einander betrogen? Wohl kaum. Deswegen bleiben ihre Bilder auch an der Wand und die Rubrik "Helden?" bleibt hier auch bestehen. Der Mensch fährt auch weiter sein Trek-Rad und trägt auch mal das alte US-Postal-Trikot. Die Mercatone-Sachen geben wir auch nicht her. Die Zeit heilt alle Wunden.
:: Wie gehts weiter?
Der Radsport ist einfach zu schön, um jetzt alles wegzuwerfen. Die erste Etappe der Tour 2006 haben wir schon wieder verfolgt, den Rest auch und trotz aller Skepsis auf den letzten Etappen schon beinahe wieder mit der alten Freude und Anspannung. Landis war dann der nächste Tiefschlag. Wenn kein weiterer kommt, werden wir den aber auch irgendwann wegstecken. Und wenn doch - es gibt wichtigeres als den Profi-Radsport und seine "Helden" - die Vuelta findet zur Zeit ohne mich statt, ich kann auch so durch die Gegend fahren.

Oje, da wollte ich erst gar nix sagen, und jetzt so ein Sermon...
:: Nachtrag
Am 26. Februar 2007 findet das Kapitel "Jan Ullrich" in dieser Geschichte sein trauriges Ende. Die Chance, sich vor der Öffentlichkeit zu rehabilitieren, hat er jedenfalls gründlich verpasst. Ich weiss auch nicht, ob sich das Bild vom sympathisch-natürlichen Tourhelden von dieser Klamauk-Presseerklärung und dem peinlichen "ich-verstecke-mich-hinter-meinen-Anwälten"-Fernsehauftritt jemals erholen wird. Und ob sich am Ende doch die Erinnerung an die herausragenden sportlichen Leistungen des Jan Ullrich durchsetzen wird hängt wohl von der weiteren Entwicklung des gesamten Profi-Radsports eng zusammen. Profi-Radsport war in den letzten zehn Jahren in Deutschland gleichzusetzen mit Jan Ullrich, im Guten und zuletzt leider auch im Schlechten. Für ihn selber hoffe ich, dass er seinen eigenen Weg finden wird, unabhängig von Beratern, Managern und Promo-Agenten. Bitte mach' Dich nicht zum Werbe-Popanz für zweitklassige Produkte, während sich andere eifrig die Hände reiben.