:: Das Fahrrad des Leonardo da Vinci
Als meine Menschen mir letztens erzählten, dass sie ohne Räder in die Toskana fahren wollten, um sich da haufenweise Museen anzusehen, da bin ich doch lieber daheim geblieben und mein Kumpel, der Kultur-Wombat ist mitgefahren (Wombats sind so ne Art australische Riesenratte, auch Plumpbeutler genannt, hihi). Und dann kamen sie zurück und tischten mir die Geschichte mit dem Rad auf - dachte schon, die haben zuviel "Da Vinci Code" gelesen. Aber dann wars doch 'ne interessante Geschichte. Mittlerweile habe ich ja meine eigene Theorie zu der ganzen Angelegenheit entwickelt, aber die erzähle ich Euch erst, wenn Ihr die Vorgeschichte kennt. Also, es berichtet der Wombat...

Kultur-Wombat, etwas Speck auf den Rippen, eher unsportlich, aber sehr gebildet!
:: Eine erstaunliche Entdeckung
Um gleich zur Sache zu kommen: Wer hat denn schon einmal folgende, künstlerisch nicht sonderlich beeindruckende, Abbildung eines Fahrrades gesehen?
Nein? Wir auch nicht...bis zu unserem Silvesterausflug nach Florenz. Abgeschreckt von einer unglaublichen Schlange vor den Uffizien stolperten wir nämlich in eine kleine Wanderausstellung (macchinedileonardo.com), in dem Nachbauten von Gerätschaften ausgestellt waren, die ortsansässige Handwerker nach Original-Skizzen Leonardo da Vincis angefertigt hatten. Und darunter fand sich nun auch ein aus holzgefertigtes Fahrrad, das auf obiger Skizze beruhte:
Auf der neben dem Modell stehenden Tafel kann man das Bild von oben gut erkennen. Na gut, eine Lenkung ist zwar nicht vorhanden, das Ding kann nur geradeaus fahren, aber ein Pedal-getriebener Kettenantrieb über ein Zahnrad an der Hinterachse? Das ist doch sehr erstaunlich! Solche Räder gabs doch erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts - und Leonardo lebte von 1452 bis 1519 und hätte somit etwa 400(!) Jahre früher als allgemein angenommen das Fahrrad erfunden! Unglaublich...
:: Wirklich das Rad des Leonardo?
Und die Ausstellung liefert auch gleich ein passendes mechanisches Modell des Kettenantriebes mit (ist ja fast schon eine Dreifach-Kassette) und packt alles zusammen auf eine schöne Postkarte:
Allerdings: die Erläuterungen auf der Tafel neben dem Modell klingen nicht ganz eindeutig. Es steht zwar geschrieben, dass die Skizze zwischen vielen anderen Skizzen Leonardos, die über jeden Zweifel erhaben sind, gefunden wurde (wo und wie genau wird gleich erklärt), aber es wird angedeutet, dass wohl eher ein Schüler des Universalgenies die Zeichnung erstellt habe, wobei er sich an einem Entwurf oder an einer Idee des Meisters orientiert habe. Wieder zu Hause angekommen sind wir der Sache etwas nachgegangen und zuerst stellt sich natürlich die Frage: Wer hat die Zeichnung wo und wann gefunden?
:: Zwischenruf vom Radpanther
Einen Moment noch. Ich möchte kurz folgendes Bild zeigen:
Wozu das jetzt gut ist? Sag ich später, Ihr sollt es nur schon mal gesehen haben!
:: Das Leonardo-Rad kommt ans Licht
Am 15. April 1974 hält der italienische Philologe und Leonardo-Experte Professor Augusto Marinoni (1911 - 1997) in Vinci, dem Geburtsort Leonardos, einen Vortrag, in dem er die Fahrrad-Skizze der Öffentlichkeit vorstellt. Thema der Veranstaltung sind die sogenannten Codices Madrid, die Skizze selber habe Marinoni allerdings im Codex Atlanticus gefunden. Als "Codex" bezeichnet man in diesem Zusammenhang mehr oder weniger gebundene historische Sammlungen von Original-Manuskripten und Zeichnungen Leonardos. Im selben Jahr erscheint die Skizze in der Neuauflage des dreibändigen Werkes "Leonardo" und zwar im Anhang des Bandes "Leonardo, der Wissenschaftler", dessen Herausgeber Marinoni im selben Jahr geworden war.
:: Verbleib der Arbeiten Leonardos's
Da Vinci war zwar das grösste Genie der Renaissance und enorm einfallsreich und produktiv, aber auch etwas unordentlich. Er hielt seine Ideen auf allen möglichen Zetteln fest, schrieb wo immer ihm etwas einfiel auf den nächstbesten Zettel, benutzte Blätter mehrfach und von beiden Seiten und schrieb auch mal seine Einkaufsliste zwischen seine Skizzen und Entwürfe. Es gab also kein geschlossenes Werk sondern nur eine ungeheure Loseblattsammlung von Manuskripten. Diese nahm nach Leonardos Tod im Jahre 1519 sein Schüler Francesco Melzi an sich und hielt sie zunächst in Ehren im Familienbesitz. Sein Sohn war allerdings weniger sorgsam und die Sammlung zerfiel in Teile, wahrscheinlich sind viele Stücke bis heute verloren.
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