:: Codex Atlanticus - Quelle des Fahrrads
Der spanische Bildhauer und Kunstsammler Pompeo Leoni machte sich noch im selben Jahrhundert daran, die Blätter wieder zusammenzutragen, allerdings mit deutlich geschäftlicher Absicht. Denn unter den Ideen Leonardos waren auch viele mit militärischem Charakter, und solche Unterlagen waren damals wie heute natürlich für Fürsten und Regenten ausserordentlich interessant. Die Liste der Ideen Leonardos ist geradezu unglaublich, man sehe z.B.:
- Kanone
- Steinschleuder
- Riesenarmbrust
- Doppelkatapult
- Gleitflugzeug
- Flugschiff
- Schaufelradboot
- Schnellbaubrücke
- Federmobil

und und und (mehr findet sich an vielen Stellen im Netz, z.B. im Museo Nazionale della Scienza e della Tecnologia in Mailand (hier) oder multimedial im Museeum für Wissenschaftsgeschichte in Florenz ( hier).


Nach heutigen Begriffen ist das echtes Top-Secret-Material, nach dem sich alle Geheimdienste hätten die Finger lecken müssen! Jedenfalls ging Leoni wie bei einem Fotoalbum zu Werke, um der Zettelflut Herr zu werden. Er klebte die einzelnen Seiten mit Schere und Leim auf Trägerseiten, die dann zu einem Gesamtwerk gebunden wurden. Natürlich ergab sich das Problem, beidseitig beschriebene Seiten einzukleben, ohne dabei eine Seite zu opfern. Entweder zerlegte Leoni die Blätter dann in Einzelteile, deren jeweilige Rückseiten er für nicht wichtig hielt oder er schnitt ein Fenster in das Trägerblatt, durch das man dann auch die Rückseite sehen konnte. Hielt er die Rückseite eines Blattes für uninteressant, dann fiel diese eben dem Einkleben zum Opfer. Eine solch uninteressante Rückseite konnte aber auch das künstlerisch minderwertige Elaborat eines Schülers von Leonardo sein, der sich mit dem Meister das Blatt geteilt hatte. Auch dieses verschwand dann im Album und so reduzierte Leoni die Sammlung von etwa 1200 auf 400 Seiten. Damit war dann der sogenannte Codex Atlanticus entstanden. Als Leonis 1608 starb, gelangte der Codex Atlanticus über ein paar Zwischenstationen in den Besitz des Grafen Arconati, der ihn 1636 der dem Vatikan unterstehenden Ambrosianischen Bibliothek in Mailand schenkte. Napoleon liess den Codex dann in die Nationalbibliothek in Paris bringen und nach dem Wiener Pakt von 1814 gelangte er wieder zurück nach Mailand. Dort liegt er noch heute im Tresor der besagten Biblioteca Ambrosiana.
:: Edition und Restaurierung des Codex Atlanticus
Eine erste Bearbeitung erfuhr der Codex in den Jahren 1894-1904 in der 8-bändigen Sammlung von U. Hoepli, aus der noch heute oft zitiert wird. Im Jahr 1961 wird dem französischen Leonardo-Kenner Andre Corbeau erlaubt, einige Originale des Codex in Paris auszustellen. Ebenso wird in diesem Jahr einem anderen Historiker und Leonardo-Kenner, Prof. Carlo Pedretti von der UCLA, erlaubt, den Codex zu untersuchen, was noch eine wichtige Rolle spielen wird. Die letzte Restaurierung des Codex erfolgt in den Jahren 1966 - 1969 auf Initiative von Nando di Toni, wobei die klerikale Auflage besteht, diese Arbeit im Kloster zu Grottaferrata in der Nähe Roms durchzuführen. Als Restauratoren waren die dort ansässigen Mönche am Werk, die die verklebten Seiten wieder aufzutrennen und zusammenzusetzen versuchten. Dabei wurden auch wieder die verborgenen Rückseiten lesbar. Am Ende ihrer Arbeit wurden insgesamt 1119 Seiten in die Biblioteca Ambrosia zurückgebracht, eingeschweisst in Plastikfolie und verwahrt im dortigen Tresor. Fotografien sämtlicher Seiten wurden zur Übersetzung der Leonardoschen Beschreibungen an Professor Marinoni übergeben, der von der Commissione Vinciana in Rom dazu beauftragt worden war. 400 dieser Seiten sind heute online auf der Homepage der Biblioteca Ambrosia anzusehen (Link "sfoglia" oder "cerca", die englische Ausgabe ist z.Z. noch in Arbeit).
:: Aber wo ist jetzt das Fahrrad?
Nach Marinoni befindet sich das Fahrrad auf der Rückseite des Blattes mit der Katalognummer 133, foglia 133 - verso.
Und tatsächlich, da ist es:

Anklicken führt direkt zur Vergrösserung in der Biblioteca Ambrosiana.
Das Rad hat also keine eigene Seite bekommen, nein, es muss sich den Platz mit ziemlichem Geschmiere teilen. Und wenn man das Gekrakel mal mit den exzellenten Zeichnungen Leonardos vergleicht dann versteht man, warum Leoni diese Seite bedenkenlos verklebt hat, denn diese Seite ist eine von den Mönchen in Grottaferrata erst wieder frei gelegte. Nicht nur den Experten war sofort klar, dass diese Zeichnungen kaum von Leonardo stammen. Die eigentliche Vorderseite des Blattes beschreibt nämlich eine Festungsanlage, wichtig genug für Leoni und zweifellos vom Meister selber:
foglia 133 - recto.
-> weiter