:: Es darf gezweifelt werden
Nicht alle Leonardo-Experten glauben an die Theorie von Marinoni. Ihnen fehlt schlichtweg der Beweis dafür, dass ein Zeitgenosse Leonardos das Rad im 15.Jahrhundert gezeichnet hat, sei es nun ein Schüler gewesen und sonst jemand, der die Idee des Meisters aufgegriffen hat oder vielleicht sogar selber ein unentdecktes Genie war. Und angesichts der technischen und kulturellen Bedeutung der Erfindung "Fahrrad" sind die Skeptiker nicht bereit, die gängige Lehrmeinung zur Geschichte des "Velocipeds", basierend auf verbürgten Fakten und beginnend mit dem Laufrad des Freiherren von Drais, so einfach fallen zu lassen. Wie könnte der Beweis aussehen?
:: Fehlende Beweise
Wie bereits festgestellt fallen Stil und künstlerische Qualität der Skizze auf jeden Fall als Beweis aus. Da es bei der ganzen Angelegenheit vor allem auf eine korrekte Datierung der Skizze ankommt, wäre eine forensische Untersuchung mit physikalischer oder chemischer Altersbestimmung der verwendeten Malfarben die Ideallösung. Es wäre sicherlich kein Problem, anhand deren Zusammensetzung auf den tatsächlichen Zeitpunkt der Entstehung der Zeichnung rückzuschliessen. Leider existiert kein offizielles Ergebnis einer solchen Untersuchung. Was soll das heissen? Nun, keine der verantwortlichen offiziellen Stellen, z.B. die Ambrosianische Bibliothek oder eine andere mit solch einer Untersuchung betraute Organisation hat hierzu Daten veröffentlicht. Es geistert lediglich die per Hörensagen weitergegebene Aussage von Paolo Galuzzi, Direktor des Museums für Wissenschaftsgeschichte in Florenz, durchs Netz, derzufolge es doch eine Untersuchung gegeben habe. Demzufolge habe man zwei Farbstoffe gefunden, einer wird frühestens auf 1880 datiert, der andere frühestens auf 1920! (siehe Abschnitt "Der Da Vinci Hoax"). Dagegen steht heute auf der Seite des
This sketch belongs to Leonardo's Codex Atlanticus, but it was not drawn by Leonardo. Who was its author? Was it perhaps a pupil, who drew on the back of a sheet belonging to his master a two-wheeled vehicle, with pedals and a chain transmission? Or is the drawing a recent forgery? The case of "Leonardo's bicycle" came up in the 1970s, when the restoration of the Codex Atlanticus was completed. Experts have not yet reached an agreement on the drawing's age. The prevailing opinion, however, is a strong skepticism about its authenticity.

Also keine Spur von einer wissenschaftlichen Untersuchung, die ja ein "agreement on the drawings age" geliefert hätte, obwohl ja angeblich der Direktor des Museums von einer geredet hat. Stattdessen ist nur von "starker Skepsis" die Rede. Einer neuerlichen Untersuchung stellt sich scheinbar die Ambrosianische Bibliothek in den Weg, die den Codex für keine weitere Untersuchung herausgeben will. Ausserdem seien die Seiten ja zur Konservierung plastifiziert worde, was eine solche Untersuchung mittlerweile unmöglich mache. Wen sehen die Skeptiker als den Urheber der Radskizze? Und wann soll sie entstanden sein?
:: Hans-Erhard Lessung - Der "Da Vinci Hoax"
Die Skeptiker halten eine einfache Lösung für die wahrscheinlichste: Während der Restaurierung in Grottaferrata habe sich irgendjemand mit Zugang zu den Seiten des Codex Atlanticus einen Spass erlaubt und das Fahrrad einfach hinzugedichtet, möglicherweise einer der restaurierenden Mönche selbst. Damit ginge der Skizze natürlich jede Sensation verloren, 1966 wusste jedermann, wie ein Rad auszusehen hat. Führender Vertreter dieser Theorie ist der Deutsche Professor für physikalische Chemie und später u.a. Oberkonservator am Landesmuseum für Technik und Arbeit Mannheim, Hans-Erhard Lessing (geb. 1938), der sich in seinen Arbeiten intensiv mit der Geschichte der Mobilität auseinandergesetzt hat. Auf der 8. Internationalen Tagung zur Fahrradgeschichte in Glasgow (Sachen gibts?!) hielt Lessing einen Vortrag, der das "Rad des Leonardo" anhand einer Indizienkette als den "Da Vinci Hoax" entlarven sollte. Den Inhalt des Vortrages kann man auf Deutsch oder Englisch nachlesen. Die Kernpunkte darin sind (einiges muss man zwischen den Zeilen lesen):
  • Es fehlt der spiegelbildliche Abdruck des Fahrrades auf der gegenüberliegenden Teilseite 132 verso. Ergo wurde das Rad erst nach dem Entfalten hinzugefügt.
  • Marinoni hat die Entdeckung des Fahrrades nie exakt datiert. Es gibt eine grosse zeitliche Differenz zwischen dem Abschluss der Restaurierung des Codex im Jahr 1969 und der Veröffentlichung der Entdeckung. Marinoni konnte die Skizze erst dann im Werk "Leonardo" abdrucken lassen (und im Vortrag präsentieren), nachdem er selber dessen Herausgeber geworden war. Zuvor erschien dem vorhergehende Herausgeber, Ladislao Reti, die Sache zu unseriös.
  • Italienische Stellen verhalten sich in der Aufklärung unkooperativ. Die Bibliotheca Ambrosia erlaubt keine weiteren Untersuchungen der fraglichen Codex-Seiten. Die scheinbar exisitierende Altersbestimmung wird verheimlicht, es existiert lediglich die inoffizielle Aussage Galuzzi's.
  • Das Motiv: beim "Fälscher" vermutlich keines, es war nur ein "Spass", da er selber nicht davon profitieren kann. Bei den italienischen Propagatoren: Nationalstolz, Erfinder des Fahrrads soll ein Italiener sein! Lessing behauptet allerdings nicht, dass Marinoni das Rad selber eingezeichnet hat!
  • Die Fälschung passt zeitlich sehr gut zur Entdeckung und Veröffentlichung der Original-Zeichnungen Leonardos zum Thema "Kettenantrieb" in Madrid 1967. So konnte der Fälscher seine Zeichnung mit Leonardo-Elementen glaubwürdiger machen.
  • Die Beobachtungen von Carlo Pedretti im Jahre 1961, denenzufolge 1961 das Fahrrad noch gar nicht auf Blatt 133, verso, vorhanden war.
Kein Zweifel, der letzte Punkte ist der wichtigste der Argumentation und dem widmen wir uns gesondert.
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