:: Meinung vom Radpanther  |
Jetzt mal langsam! Da halte ich mal dagegen:
- Wer sagt denn, dass die Seite nicht zuerst ohne Rad gefaltet wurde, später auseinander gerissen wurde und erst dann jemand das Fahrrad drauf gemalt hat? Oder dass das Blatt mit den frischen Kritzeleien gefaltet, wieder geöffnet wurde und dann erst das Rad drauf kam? Oder das Rad zuerst da war, die Zeichnung trocknete, später neues frische Gekritzel dazu kam und dann gefaltet wurde? Jedenfalls war das Blatt ja seit Pompeo Leoni nicht mehr zusammengefaltet, der hats ja schon getrennt in sein Album geklebt. Nee, da seh ich kein stichhaltiges Argument.
- Und bei Marinoni auch nicht: vielleicht konnte er sich ja wirklich nicht bei seinem Herausgeber durchsetzen, heisst doch nix, wenn der nicht ans Rad geglaubt hat. Und vielleicht ist der Ambrosianischen Bibliothek die Sache ja nicht wichtig genug, um nochmal ein Riesenfass aufzumachen...ehrlich "Konferenz zur Geschichte des Fahrrades", haltet mal den Ball flach!
- Und wegen dem Motiv: das "Nationalstolz-Argument" verwenden die Italiener genauso gegen Lessing, der ja mit seinem Vortrag seinem Landsmann Drais als Fahrrad-Erfinder die Stange hält. Lies mal hier!.
- Und ob ein frommer Mönch mal eben so in historischen Unterlagen rumgekritzelt hat, die ja eigentlich seinem heiligen Vater gehören, na ich weiss nicht. Das mit dem Fund in Madrid sagt ja auch nichts, jeder, der mal versucht ein Kettenblatt zu malen, kritzelt wohl was ähnliches hin. Das hätte auch 1930, 40 oder 50 sein können. Also diese vermeintliche Koinzidenz besagt gar nix.
- Das mit der Altersbestimmung ist schon kritischer, aber doch reichlich wage. Aber was ist mit dem Pedretti??
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| :: Pedretti's Erinnerungen |
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Wenn man Dich so reden hörte könnte man meinen, Dir gefällt die Idee, dass Leonardo das Fahrrad erfunden hat.
Jetzt aber zum einzigen "Augenzeugen", nämlich dem schon erwähnten Carlo Pedretti, selber bedeutender Leonardo- und Codex-Experte mit zahlreichen Veröffentlichungen. Diesen zitiert Lessing als Hauptzeugen gegen die Authentizität der Fahrrad-Skizze. Wie gesagt untersuchte Pedretti 1961 den Codex Atanticus noch vor dessen Restaurierung. Im Jahre 1978 erscheint dann sein Katalog der mittlerweile restaurierten Blätter (The Codex Atlanticus of Leonardo Da Vinci. Catalogue of newly restored sheets, I and II, Harcourt-Brace-Jovanovic, New York, Auszüge z.B. hier ).
Darin kommen die Mönche als Restauratoren eher schlecht weg (sie werden immer in Anführung "die Restauratoren" genannt), Pedretti kannte ja den Zustand des Codex vor der Bearbeitung. Und im Katalog von 1978 heisst es nun... |
:: Zwischenruf vom Radpanther  |
| Stop!! Ach die Nummer kommt jetzt...Könnt Ihr Euch noch an das Bild mit den Kreisen und Bögen erinnern, das ich Euch am Anfang gezeigt habe? Nicht? Ist erst ein paar Minuten her, oder? Versuchts mal trotzdem aus dem Gedächtnis hinzumalen, ist ein wichtiges Experiment. |
| :: Skizze aus der Erinnerung |
| ... und im Katalog von 1978 heisst es nun: |
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Lessing zitiert dabei auf Deutsch:
Über die öbszön bekritzelte Rückseite von Blatt 132 schreibt er (Anm.: Pedretti): "Kritzeleien, nicht von Leonardo, wahrscheinlich nicht aus Leonardos Zeit. Unmißverständlich." Und über die Rückseite von Blatt 133: "Kritzeleien mit dem Schriftzug ´Salaj´, nicht von Leonardo, wahrscheinlich nicht aus Leonardos Zeit. Unmißverständlich. Siehe f.132 verso, womit dies Blatt ursprünglich verbunden war. Als ich 1961 die originalen Blätter untersuchte, indem ich sie gegen eine starke Lichtquelle hielt, um Einzelheiten auf den (zu jener Zeit) verborgenen Rückseiten zu erkennen, bemerkte ich das Vorhandensein von Zeichnungen in schwarzer Kreide und ebenso leichte Spuren von Tusche oder Stift, die den Anfang irgendwelcher geometrischer Diagramme darzustellen schienen. Diese haben sich dann als Bestandteile einer groben Skizze eines Fahrzeugs herausgestellt, das einem Fahrrad ähnelt. Ähnliche grobe Skizzen, nicht von Leonardo, finden sich auf anderen Blättern von Leonardos Manuskripten und Zeichnungen."
In einer weiteren Bemerkung zur seit 1974 bekannten Fahrradskizze heisst es: "Die skurrilen Kritzeleien eines Schülers auf der Rückseite eines zweigeteilten Blattes von [übrigens: kreisrunden] Festungsstudien ff. 132 und 133 verdienen kaum die Aufmerksamkeit, die sie kürzlich erfahren haben, und noch weniger die Skizze eines Fahrrads".Zusätzlich führt Lessing eine persönliche Mitteilung Pedrettis auf der Fahrrad-Konferenz von 1997 an:
1961 zeigte die durchleuchtete Rückseite geometrische Kreise und Linien. Die Fahrradskizze war eindeutig nicht vorhanden, da ihr dicker brauner Stift beim Durchleuchten leicht auszumachen gewesen wäre.
Damit ist für Lessing die Sache klar: Wenn es 1961 die Skizze in ihrer von Marinoni veröffentlichten Form noch gar nicht gegeben hat, dann wurde sie danach als Fälschung hinzugefügt. Die von Pedretti ursprünglich gesehenen geometrischen Formen wurden einfach zu einem Fahrrad ergänzt!! Ein Spass, Betrug, wie man will... |
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:: Zwischenruf vom Radpanther  |
| Das ist ja wohl der grösste Quatsch, den ich je gehört habe! Jetzt wollen wir mal nachdenken und ein paar Sachen ergänzen. Erstens: 1961 hat sich Pedretti zwar Notizen gemacht, aber keine Aufzeichnungen oder etwa ein Foto von Blatt 133, das er ja damals wie er selber sagt, nur gegen das Licht halten konnte, weil das Blatt ja noch nach Leonis Machart auf dem Trägerblatt klebte. Und auch zu dem was er gesehen hat, existiert keinerlei Zeichnung. Angeblich sind ihm ja evtl. vorhandene Aufzeichnung 1965 in Los Angeles aus dem Auto geklaut worden... So, 1961 hat er also ein Gekrakel gesehen, das er wie oben steht für unwichtig gehalten hat, weils ja nur Kritzeleien von irgendjemand waren, aber nicht von Leonardo. Aber mindestens 13(!) Jahre später, als das Fahrrad publik wird, da kann er sich noch exakt an die Krakeleien von damals erinnern?? Ihr habt ja das Experiment gemacht und wisst, dass das unmöglich ist.
Und jetzt legen wir mal die Zeichnungen übereinander: |

Im Hintergrund: Das Da-Vinci-Rad, darübergelegt, gespiegelt und passend gedreht: die Pedretti-Erinnerung |
| Ja genau, exakter Radabstand, absolut identische Proportionen zwischen Radumfang und Rahmengrösse, selbst der komische Sattel stimmt exakt überein. Und das für eine 13 Jahre alte Skizze aus der Erinnerung?
Ich sage: Unfug! Die "Erinnerungsskizze" wurde nach dem Vorbild der Codex-Skizze des Rades erstellt, nicht nach der "Erinnerung", um irgendwas zu beweisen, das ist doch klar wie Klossbrühe.
Vielleicht hat Pedretti 1961 was gesehen, das hätte er ja auch müssen, wenn das Rad authentisch ist und damals schon im Codex war. Aber obs das Rad war, oder nur eine Vorstufe aus Kreisen und Linien, das wird wohl kaum klar.
Ich denke, der erzählt uns was vom Pferd...Und was heisst dann eigentlich: Diese haben sich dann als Bestandteile einer groben Skizze eines Fahrzeugs herausgestellt, das einem Fahrrad ähnelt.... Klingt doch so, als wenn er selber glaubt, damals nicht alles im Gegenlicht erkannt zu haben. Übrigens hat man ihm 1968 seitens der Ambrosia Bibliothek nicht mehr erlaubt, den Codex ein weiteres Mal zu untersuchen, war er bestimmt nicht glücklich darüber. Zwei ausgesprochene Leonardo-Kenner, der eine findet was oder auch nicht, der andere darf nicht in die Bibliothek, plötzlich eine offenbar geschönte bis gefälschte Erinnerungsskizze - da kann ich mir aber einen Reim drauf machen! Also vergiss bitte den Pedretti als Zeugen. Kam von dem nicht auch der Hinweis auf die angebliche Altersbestimmung?
Lies mal nach, wie die ganze Geschichte aus der Sicht von Marinoni aussieht:
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aus Leonardo da Vinci, Engineer and Architect |
| :: Was stimmt denn nun?? |
| Nicht schlecht argumentiert. Die Erinnerungsgeschichte ist wirklich reichlich unglaubwürdig und das ganze Durcheinander könnte tatsächlich auf reinem Platzgehirsch-Getue zweier ehrgeiziger Wissenschaftler beruhen.
Bleibt die genauso unklare Geschichte von der Altersbestimmung...aber bevor die Originalseiten des Codex nicht nochmal von neutraler Stelle unter die Lupe genommen werden, bleibt das Rätsel wohl ungelöst...Aber dazu muss die Kirche erst wieder die Archive öffnen und so was kann ja schwierig sein. Macht Euch selber ein Bild und lest z.B. hier nach:
Das sind nur einige der vielen Links, die man zum Thema im Netz findet. Ist wirklich spektakulär, was man aus einer so unscheinbaren Geschichte rausholen kann. |
:: Zwischenruf vom Radpanther  |
Und die Geschichte geht ja noch weiter: Nicht nur das Rad ist von Leonardo! (Wer Kanonen zum Wombat verschiessen erfindet, dem trau ich alles zu!) Wozu hat er das Ding denn überhaupt erfunden? Na, um mobil zu sein. Und wozu wollte er mobil sein? Natürlich um den heiligen Gral in Sicherheit bringen zu können, hab ich doch alles gelesen! Er hat das Ding also auf den Gepäckträger geschnallt, hat sich aufs Rad geschwungen und ist ab über die italienische Grenze Richtung Schottland, wo der Gral ja heute in einer Kapelle versteckt sein soll. Und wo musste er da durch? Durch Frankreich. Und wie nennt man heutzutage eine Durchquerung Frankreichs auf dem Rad? Tour de France. Also ist doch klar: Leonardo da Vinci hat die Tour de France erfunden!. Die Beweiskette ist jawohl unwiderlegbar. Und wenn das rauskommt, dann ist die Societé de la Tour de France ganz schön in den Popo gekniffen. Wahrscheinlich haben die sich zusammen mit dem Papst und Campagnolo verschworen, die Sache geheim zu halten...also da könnt ich Euch ja noch Sachen erzählen.... |
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