:: Profi-Leistung während Tour, Giro und Vuelta
Die Arbeitsgruppe um Sabino Padilla veröffentlichte zwei Arbeiten, in denen sie zunächst mit Ergometrie das stationäre Leistungsvermögen einiger Rennrad-Profis ermittelte und die erhaltenen Werte mit deren Leistungen während Tour, Giro und Vuelta verglich. Die siebzehn dabei beobachteten Profis wurden nicht namentlich benannt, hatten aber alle zumindest eine der grossen Rundfahrten durchgestanden. Die Arbeiten wurden im Journal Medicine & Science in Sports & Exercise veröffentlicht:

Exercise intensity and load during mass-start stage races in professional road cycling
(Padilla, Mujika, Orbananos, Santisteban, Angulo und Goiriena im Juli 2000) und
Exercise intensity during competition time trials in professional road cycling
(Padilla, Mujika, Orbananos und Angulo im Juni 2000)

Die Artikel sind online leider nicht für jedermann zugänglich, aber normalerweise an jeder Universität zumindest als download verfügbar. Padilla war übrigens auch Betreuer von Indurain (z.B. beim Stundenrekord) und mischte bei Banesto mit. Deshalb liegt der Verdacht nahe, dass hier das Banesto-Team unter die Lupe genommen wurde.
:: Labortests auf dem Ergometer
Wie in der Untersuchung von Stapelfeldt et al. wurde zunächst ein Ergometertest mit den Probanden durchgeführt. Dieser lief genau so ab wie bei der Stundenrekord-Vorbereitung von Indurain: Start bei 110 Watt, Stufenlänge 4 Minuten bei einer 75er-Kadenz, dann 1 Minute Erholung und dann 35 Watt Mehrbelastung und so weiter bis es nicht mehr geht und der Proband abbricht. Die maximale Leistung berechnet sich dabei anteilig aus der Dauer der letzten Stufe T: Leistung der vorletzten Stufe + (35*T/240). Daneben wurde natürlich die Herzfrequenz und die Laktatkonzentration im Blut gemessen. Zur Abgrenzung der während des Testes durchlaufenen Stoffwechselbereiche wurden ähnlich wie bei Stapelfeldt zwei ausgezeichnete Punkte auf der Laktatkurve bestimmt. Zum einen die aerobe Schwelle (lactat threshold (LT)), die hier erreicht wird, sobald sich der gemessene Laktatwert um 1 mmol/l gegenüber dem Basiswert erhöht (Zustand geringer Belastung). Zum anderen die anaerobe Schwelle, die hier nicht individuell bestimmt wurde, sondern zu einer Laktatkonzentration von 4 mmol/l definiert wird (Mader-Schwelle). Dieser Wert wird in der Literatur oft als onset of blood lactate accumulation (OBLA) bezeichnet. In diesem (empirischen) Modell geht man davon aus, dass die Laktatkonzentration immer weiter ansteigen wird, sobald dieser Wert erreicht ist. Der anaerobe Anteil der Energiebereitstellung ist dann so gross, dass das produzierte Laktat nicht mehr abgebaut werden kann und sich (exponentiell) akkumuliert. Das Ergebnis für die Untersuchungsreihe sah dann so aus:
VariableMittelwertBereich
Alter [Jahre]26±3 22 - 32
Grösse [cm]180±7 160 - 190
Gewicht [kg]68.8±7 53.0 - 80.0
Wmax [Watt]439±45 349 - 525
Wmax / M [Watt/kg]6.4±0.3 5.7 - 6.8
WOBLA [Watt]386±52 275 - 478
WLT [Watt]334±50 202 - 417
HRmax [/ min]194±5 187 - 204
HROBLA [/ min]178±6 168 - 191
HRLT [/ min]163±8 146 - 174
[LT]max [mmol/ l]9.9±2.1 6.9 - 13.7
Zunächst fällt auf, dass die angegebenen Mittelwerte teilweise ein hohe Standardabweichung aufweisen und die Messwerte stark streuen. Neben den hohen absoluten Leistungswerten (Wmax) fällt besonders die herausragende aerobe Kapazität der Fahrer auf: Sowohl bei der aeroben als auch bei der anaeroben Schwelle werden sehr hohe Leistungen erbracht, im aeroben Bereich im Mittel 76% der Maximalleistung, WOBLA beträgt im Mittel 87% der Maximalleistung! Erst für die restlichen paar Prozent müssen die Sportsfreunde in den roten Bereich gehen. Für jeden einzelnen Sportler wurde nun eine individuelle Beziehung zwischen Herzfrequenz und Leistung aufgestellt, eine als linear angenommene Funktion P(HR). Mit Hilfe dieser Beziehung sollte nun aus einer im Rennen aufgezeichneten Herzfrequenz-Kurve und daraus berechneten Mittelwerten auf die jeweils getretene Leistung rückgeschlossen werden. Hier wird also die physiologische Methode zur Leistungsbestimmung angewendet. Dazu wurden noch zwei zu den Schwellwerten gehörende Herzfrequenz-Zonen bestimmt: einmal eine Zone ZOBLA = HROBLA ± 3 Schläge und eine Zone ZLT = HRLT ± 3 Schläge
:: Leistungen im Zeitfahren
Für den jeweils beobachteten Fahrer wurden die obigen Tests vor den folgenden Rundfahrten durchgeführt, um einen möglichst nahen Bezug zwischen Labor- und Feldleistung herstellen zu können:
Tour de France 1993, 1994 und 1995, Giro 1994 und 95, Vuelta 1994, Dauphinee 1995, Vuelta Catalunya und Castilla 1993. Bei der Auswertung wurde nun unterschieden, ob der jeweilige Fahrer sich im Zeitfahren voll reingehängt ("Limit") hat oder sich aus (Team-)-strategischen Gründen eher zurückgehalten hat ("Strat"). Ausserdem wurden die Wettbewerbe in die Kategorien PrologTT (kleiner 10 km), KurzTT (kleiner 40km), LangTT, BergTT und TeamTT eingeteilt.

PrologTTKurzTT
VariableLimitStrat LimitStrat
Geschw. [km/h]47,6±2,345,7±3,0 45,3±2,641,3±2,0
HRmittel [1 / min]181±4175±4 176±7168±8
%HRmax90±388±3 88±382±4
%HROBLA100±3 95±7
%HRLT114±8 108±9
Wmittel [Watt]372±88384±51 374±77352±41
%Wmax89±789±6 87±681±6
Zeit über ZOBLA [%]59±2333±28 38±346±13
Zeit über ZOBLA [s]344±140178±144 782±744115±239


LangTTBergTT
VariableLimitStrat LimitStrat
Geschw. [km/h]46,5±2,444,2±1,7 32,8±3,432,4±1,8
HRmittel [1 / min]167±7160±5 166±11156±4
%HRmax84±379±4 81±176±2
%HROBLA89±5 87±2
%HRLT103±8 101±5
Wmittel [Watt]359±79344±36 376±5331±28
%Wmax82±478±4 83±175±3
Zeit über ZOBLA [%]3,5±4,00,2±0,4 00
Zeit über ZOBLA [s]130±1506±23 00
(Geschwindigkeit, mittlerer Puls, wieviel % des (Maximalpulses/ Pulses an der anaeroben Schwelle / Pulses an der aeroben Schwelle) entsprach der mittlere Puls, mittlere Leistung, wieviel % der Maximalleistung im Stufentest entsprach die mittlere Leistung, prozentueler Zeitanteil oberhalb der anaeroben Zone, absoluter Zeitanteil oberhalb der anaeroben Zone)

Tja, eine Menge Zahlen, viele davon mit gewaltigen Schwankungen (Standardabweichungen) versehen - in der erwähnten Arbeit wird das entsprechend kommentiert. Was fällt also besonders auf?
  • Die Jungs profitieren davon, dass ihre anaerobe Schwelle nahe an der Maximalleistung/Herzfrequenz liegt. Deshalb verbringen sie relativ wenig Zeit oberhalb der Schwelle und können trotzdem viel Leistung abrufen. Erstaunlicherweise bleiben sie ausgerechnet beim Bergzeitfahren immer unter der Schwelle.
  • Beim Bergzeitfahren ist der Puls kleiner als beim Flachzeitfahren.
  • Wer sich schont, fährt erst gar nicht in den anaeroben Bereich (ausser vielleicht beim Prolog).
  • Bei Belastungen bis etwa 30 min (KurzTT) gehen die Siegfahrer deutlich in den anaeroben Bereich, bei längeren Strecken (LangTT) aber fast gar nicht. Der Leistungsabfall fällt dabei aber gering aus.
  • Lange Zeitfahren werden eher an der aeroben Schwelle gefahren.
:: Zwischenkommentar vom Radpanther
Jetzt weiss ich auch, warum der Mensch so lahm ist! Wenn ich mich da an seinen Leistungstest erinnere, da war doch seine anaerobe Schwelle etwas über 180 Watt, die Maximalleistung aber 300 Watt, dass wäre ja dann WOBLA = 60% Wmax! Wmax ist schon nicht sehr hoch und dazu gehts noch früh in den roten Bereich...
:: Leistungen im Strassenrennen
Neben den Zeitfahren wurden natürlich auch die anderen Etappen untersucht, eingeteilt in Flachetappen (Flach), wellige Etappen (Semi) und Gebirgsetappen (Berg). Und die Resultate sahen hier so aus:
VariableFlach (125)Semi (99) Berg (86)
HRmittel [1 / min]119±10130±9 135±9
%HRmax51±7 58±6 61±5
%HROBLA57±865±7 69±6
%HRLT65±10 74±11 79±9
Wmittel [Watt]192±45234±43 246±44
%Wmax45±953±8 57±8
Zeit in/über ZOBLA [%]1,9±1,34,7±2,8 4,8±3,5
Zeit in/über ZOBLA [min]3,2±413±8 16±12
Zeit in/über ZLT [%]10±520±8 27±9
Zeit in/über ZLT [min]32±558±20 93±35

Auch dies kann man jetzt interpretieren wie man mag (die Autoren tun es). Immerhin wird hier die Erwartung erfüllt, dass es in den Bergetappen am ehesten in den roten Bereich geht. Dennoch ist erstaunlich, zu welch geringem Prozentsatz das passiert, der Grossteil der ganzen Strapaze wird im aeroben Bereich runtergespult und das bei einer verdammt hohen Leistung! Das scheint wohl die Quintessenz zu sein: der aerobe Metabolismus (Stoffwechsel) vom Profi ist so gut ausgebildet, dass er damit eine sehr hohe Leistung aufrechterhalten kann. Die anaerobe Schwelle ist soweit in Richtung Maximalleistung verschoben, dass nur bei den höchsten Leistungen (Schlussanstieg, kurze Zeitfahren) in den anaeroben Bereich gegangen werden muss. Über 80% der Leistungsspektrums können zumindest im aerob-anaeroben Übergangsbereich erbracht werden. Ein Bahnsprinter, der eine enorm hohe Maximalleistung hat, kann ohne diese ausgeprägte aerobe Kapazität auf der Strasse nichts reissen.