:: Zusammenspiel der Energie-liefernden Prozesse
Die energieliefernden Prozesse arbeiten nicht unabhängig von einander, sondern müssen sich gegenseitig beeinflussen und steuern, so dass immer genau das an ATP herauskommt, was man gerade braucht. Es sitzt ja kein kleines Männchen im Muskel und dreht je nach vom Gehirn befohlener Anstrengung mal am aeroben Hähnchen und mal am anaeroben, schaltet die Mitochondrien ein und aus oder verbietet der Glukose zu zerfallen. Das muss das biochemische System schon selber hinkriegen. Abfallprodukte des einen Prozesses begünstigen einen anderen und bremsen den eigenen, chemische Gleichgewichte der Reaktionen verschieben sich je nach Menge der Edukte und Produkte, Hormone und Enzyme tun ihr übriges, damit sich alles einregelt. Diese Regelmechanismen sind aber ein Kapitel für sich und wenn an irgendeiner Stelle was nicht richtig funktioniert, macht sich das gleich als echte Krankheit im Organismus bemerkbar. Deswegen laufen immer alle energieliefernden Prozesse gleichzeitig ab, natürlich entsprechend den aktuellen Anforderungen mit unterschiedlicher Intensität. In der Literatur sieht man oft folgendes Bild, das die "zeitliche Abfolge" der energieliefernden Prozess veranschaulichen soll.

Anteile der Energiequellen während eines Maximum Power Tests
Aus dem oben gesagten folgt natürlich, dass eine strikte zeitliche Trennung der Prozesse nicht existiert (und eine funktionelle schon mal gar nicht), es werden lediglich die relativen Anteile der Prozesse an der gelieferten Energiemenge verschoben, entsprechend der Arbeitsintensität und den zur Verfügung stehenden Resourcen. Man darf das Bild keinesfalls so interpretieren, als dass unabhängig von der geforderten Intensität z.B. erst die Kohlenhydrate anaerob verfeuert werden und erst viel später der Fettstoffwechsel einsetzt!! Streng genommen gilt die Abfolge im Bild nur im Zusammenhang mit der zusätzlich eingezeichneten Kurve der zu jedem Zeitpunkt maximal leistbaren Intensität (="Gesamtleistung"), wie sie im Maximum Power Test abgefragt wird. Bei diesem Test versucht der Proband immer soviel zu leisten, wie er gerade kann. Er fängt also im Sprinttempo sehr hoch an und durchläuft dann je nach seiner Ermüdung verschiedene Intensitätsbereiche bis er am Ende nur noch im Grundlagenausdauerbereich weiter machen kann. In diesem Fall durchläuft er tatsächlich die eingezeichnete Abfolge der Energiequellen. Offenbar ist so ein Maximum Power Test die zeitliche Umkehrung eines normalen Stufentests, auf den wir noch zu sprechen kommen.
:: Wann setzt die Fettverbrennung ein?
Insbesondere ist die oft zu hörende Behauptung grundfalsch, dass der Fettstoffwechsel erst nach etwa einer Stunde beginnen würde, weil der Körper ja vorher die Kohlenhydrate verwertet. Das ist kompletter Nonsens! Man stelle sich vor, Armstrong steigt zu Beginn der gemütlichen letzten Tour-Etappe aufs Rad und fährt nach 2 Stunden mit Puls 100 auf den Hungerast, weil er ja erst seine Kohlenhydrate verballern muss, bevor sein Fettstoffwechsel anläuft..absurd. Ein gut trainierter Fettstoffwechsel übernimmt so schnell wie möglich eine von ihm erbringbare Energiebereitstellung, wobei es natürlich eine gewisse Zeit dauert, bis sich das kardiovaskuläre System (Atmung, Herzschlag, Durchblutung,..) auf die erhöhte Belastung eingestellt habe und genug Sauerstoff in die Muskeln transportieren können, und diese Zeit überbrückt man dann mit den aneroben Mechanismen. Deswegen macht sich Ulle ja auch vorm EZF erstmal eine Stunde auf der Rolle warm, damit der Motor richtig rund läuft. Oder man stelle sich genau so einen Laufanfänger vor, der noch keine 15 Minuten am Stück laufen kann. Wenn der Fettstoffwechsel erst nach einer Stunde aktiv würde, dann könnte er ihn ja offensichtlich nie richtig trainieren. Natürlich ist der menschliche Körper nicht so blöd, die durchs Training gesteigerte Anforderung nicht auch mit einer sofortigen Verbesserung der Fettstoffwechsel-Kapazität zu beantworten und damit seine Ökonomie zu verbessern. Andererseits ist es natürlich richtig, dass ein gut trainierter Sportler zwar schnell anfängt, aerob zu arbeitet, aber für einen weiteren Ausbau seiner aeroben Kapazität dann umso länger trainieren muss. Obiger Satz sollte also umformuliert werden:Der Fettstoffwechsel wird erst nach einer Zeitdauer effektiv trainiert und weiter verbessert, die dem schon vorhandenen Traingszustand entspricht.
:: Frage vom Radpanther
Jetzt mal zurück zum Laktat, da hab ich noch ein paar Fragen! Wenn ich nun in meinem Bettchen liege und penne, dann reicht die aerobe ATP-Produktion und es wird kein Laktat gebildet !?
Nee, nicht ganz. Laktat wird immer produziert, auch wenn du dich gar nicht bewegst. Dein Körper hat immer einen gewissen Grundbedarf an Energie (das Herz z.B. ist ja auch ein Muskel und braucht dauernd ATP) und dabei wird auch immer etwas Laktat produziert (wie gesagt, man kann die einzelnen Metabolismen nicht einfach abschalten). Natürlich ist das vergleichsweise wenig, aber es ist messbar. Auch wenn Du pennst wird ein bisschen Laktat produziert und wenn du mit maximaler Herzfrequenz trainierst, steuert auch die Fettverbrennung noch etwas bei.
:: Laktat-Abbau
Dass man im Schlaf nicht unter der dauernden Laktat-Bildung leidet, liegt einfach daran, dass Laktat auch wieder abgebaut werden kann. Irgendwo muss man es ja wieder los werden. Wenn sich Bildung und Abbau das Gleichgewicht halten herrscht ein erträgliches Gleichgewicht. Im Durchschnitt pendelt sich so die Laktat-Konzentration im Blut bei etwa 1 mmol/l ein, wer eher Sprintmuskulatur mit Laktat-freudigen Typ II-Fasern hat, kann höher liegen. Milchsäure kann in der Leber abgebaut werden. Etwa 60% des im alltäglichen Leben anfallenden Laktats werden dort in Glukose und Glykogen zurückgewandelt. Die restlichen 40% können durch Umkehr der Laktat-Bildung aus Pyruvat wieder in Pyruvat überführt werden.

Umkehrung der Laktat-Produktion. Man braucht nur NAD.
Dazu benötigt man überschüssiges NAD und das gibt es in aktiven, mit Sauerstoff versorgten Mitochondrien, wo NAD ja am Ende der Atmungskette entsteht (das Herz ist ein solcher Muskel, da nur aus "aeroben" roten Fasern besteht). Das entstandene Pyruvat wird an gleicher Stelle über den bekannten Weg der aeroben Glykolyse bis zum Wasser und Kohlendioxid abgebaut. Der prozentuale Anteil dieses Laktat-Abbaumechanismus steigt mit dem Grad der körperlichen Betätigung. Während die Leber etwa 8 Stunden brauchen würde, um den Basis-Laktatlevel abzubauen, schaffen dies die Mitochondrien eines leicht joggenden Körpers in 2-3 Stunden.
:: Sauerstoffschuld und Sauerstoffmangel-Theorie sind out
Ebenso wird auch das Laktat abgebaut, das man bei hoher Belastungsintensität in der Muskulatur gebildet hat. Reduziert man die Belastung, so dass der Stoffwechsel wieder in den aeroben Bereich rutschen kann, oder findet man gering belastete Muskeln, so kann das Laktat mit wieder zur Verfügung stehendem NAD und Sauerstoff vollständig abgebaut werden. Trainierte Sportler können so etwa 0,5 mmol/l Laktat pro Minute abbauen. Das ist der eigentliche Abtrag der oft erwähnten "Sauerstoffschuld", ein Begriff der ja so klingt, als hätte der Körper irgendwas falsch gemacht. Dabei wird der aerobe Abbau der Glukose nur solang verschoben, bis sich der Körper den langsamen aeroben Abbau wieder leisten kann. Zwischenzeitlich wird das Pyruvat einfach in Form von Milchsäure "zwischengelagert". Der Begriff der "Sauerstoffschuld" ist auch insofern unglücklich, als dass er einen Sauerstoffmangel als Ursache der Laktat-Bildung impliziert. Das ist nicht zwingend so (obwohl eine Unterversorgung der Mitochondrien mit Sauerstoff der Laktatbildung förderlich ist). Ein Sprintsportler mit vielen Typ II-Fasern kann soviel Sauerstoff aufnehmen und auch noch per Blut in die Muskulatur schaffen wie er mag. Wenn er dort aber mangels Mitochondrien kein Abnehmer dafür findet, schafft er doch nicht genügend ATP auf aeroben Wege herbei und beginnt, Laktat zu bilden. Er leidet dann weniger unter Sauerstoff- als unter Mitochondrien-Mangel. Die ursprüngliche (reine) Sauerstoff-Mangel-Theorie zur Erklärung der Laktat-Bildung ist heute weitgehend ad acta gelegt, wird aber in Ansätzen weiter diskutiert, wer will, kann mal hier nachlesen:
Regulation of lactic acid production during exercise.
Insgesamt geht das Laktat dem Energie-Gewinnungsprozess also nicht verloren, es wird nur später genutzt.
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