:: Das Time

Nun war der Mensch also jahrelang auf diversen Blechkisten unterwegs während alle anderen schon auf Carbonrahmen umgesattelt hatten. Insgeheim wollte er natürlich auch mal einen ausprobieren - aber welchen? Scott CR1 fährt ja nun jeder, die Italiener sehen zwar am hübschesten aus, sind aber teuer und nicht immer auf der Höhe der Zeit. Giant und die NoName-Taiwanesen diverser Labels haben irgendwie nicht das gewisse Etwas, tja, da fällt die Wahl schwer. Favorit wurden dann die Rahmen von TIME. Haben einen guten Ruf, sehen vornehm aus, protzen nicht mit überdimensionierten Schriftzügen und sind einigermaßen leicht. Aber auch sauteuer. Aber der Mensch muss ja auch einmal Glück haben. Letztens war wieder eine Modell "Edge" beim online-Auktionshaus unterm Hammer und mit einem Gebot 13 Sekunden vor Schluss gelang es, das gute Stück an Land zu ziehen. Zu einem mehr als guten Preis, dazu nagelneu mit Rechnung und Garantie vom Fachhändler, inklusive zugehöriger Sattelstütze und Monolink-Vorbau! Der Mensch war wirklich ein bisschen verdattert, als ihm die Meldung "Herzlichen Glückwunsch zum Auktionsgewinn" zuging. Und ein paar Tage später kam das gute Stück ins Haus geflattert...
:: Und wieder umbauen
Und so hiess es wieder basteln, denn die Gruppe sollte nun vom Scott aufs Time umziehen, bis auf die Kurbel, die lag nämlich schon seit dem Winter bereit und das Innenlager hatten wir schon vom Händler ins Time einbauen lassen. Dauerte trotzdem etwas, war aber bei dem doofen "Sommerwetter" egal. Dann gabs endlich die erste Runde ...
:: Der Mensch testet sein TIME
Nach dem erfolgreichen Verlauf einer online-Auktion konnte ich es kaum erwarten, den von mir ersteigerten Time-Rahmen in Empfang zu nehmen. Als der grosse Karton bei mir zu Hause ankam überprüfte ich zunächst die Vollständigkeit der Lieferung: Der elegant gemuffte Egde-Rahmen, Avant-Stiff-Gabel, Stiff-Spirit-Sattelstütze und der Monolink-Vorbau waren allesamt vorhanden. Der Rahmen bot neben der erstklassigen Verarbeitung, dem geringem Gewicht und der matten Lackierung, unter der das typische Muster der Carbon-Matten sichtbar wurde, die Eigenschaften, die man von einem Rahmen dieser Kategorie erwartet, längst aber nicht selbstverständlich sind: Montagesockel für einstellbare Zuganschläge, ein austauschbares Schaltauge, einen asymetrisch geformten Wishbone-Hinterbau sowie tief an Sitz- und Unterrohr angebrachte Flaschenhalter-Aufnahmen , die einen problemlosen Gebrauch von grossen Trinkflaschen erlauben.

FSA Pro Elite Compact.

Die neue Maschine vor heimatlicher Kulisse. Der Standort Bertenrath ermöglicht einen weiten Ausblick hinüber nach Düsseldorf.
Danach begutachtete ich das bereits vormontierte Platinum-Pro Innenlager, das perfekt zur bereit liegenden FSA Pro Elite Compact Kurbel passen sollte. Compact-Kurbeln (diese in der Abstufung 50/34) erlauben dem Hobby-Radsportler im Rahmen seines eingeschränkten physischen Möglichkeiten das gesamte Gangspektrum auszunutzen und ersparen ihm die Verwendung der oft verpönten Dreifachkurbel. Die Monteure des freundlichen ebay-Händlers hatten ganze Arbeit geleistet und so war die Montage der optisch sehr gut harmonierenden Kurbel das reinste Kinderspiel. Ebenso einfach war die Verwendung des Time-eigenen Quickset-Steuersatze: Mit wenigen Handgriffen war das Spiel des Steuerlagers optimal eingestellt. Die weiteren Komponenten waren schnell montiert, zunächst Bremsen, Umwerfer und Schaltbremshebel aus Shimanos Topgruppe DuraAce. Puristen werden einwenden, dass der grazilen französischen Schönheit die Leidenschaft einer italienischen Record-Gruppe besser steht als die als die eher nüchterne Gruppe aus Japan. Diese Nüchternheit steht aber auch für Funktionalität auf allerhöchstem Niveau und auch diese ist für ungetrübten Fahrspass unersetzlich.

Schaltkomfort in Vollendung.
Als Sattel wurde der bewährte SLR von Selle Italia gewählt, der mit seiner schlanken Silhouette gleichermassen zu Rahmen und Hinterteil des Testers passt. Mehr der Not gehorchend wurde Tao-Flaschenhalter montiert, die zwar über jeden funktionalen Zweifel erhaben sind, optisch aber durch elegantere Modelle im Carbon-Design zu ersetzen wären. Kontrovers wird sicherlich die Wahl der Laufräder beurteilt werden. Der aggressive Look von Mavics Ksyriums scheint nicht ganz zur schlichten Eleganz des Time-Rahmens zu passen, die Alternative wäre aber gewesen, den Rahmen optisch mit Cosmic Carbon Laufrädern zu erschlagen, hier sicherlich zuviel des Guten. An dieser Stelle lohnt es sich durchaus, zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal in den Geldbeutel zu greifen. Um den leichtfüssigen Charakter des Time zu betonen, wurden die bewährten Ultremo-Mäntel von Schwalbe montiert, mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe und die mit exzellenter Nasshaftung beeindrucken. Aber auch auf trockenen Grund bringt sie nichts aus der Ruhe. Noch kontroverser wird sicherlich das Thema Monolink-Vorbau betrachtet werden. Mein Urteil ist hier aber eindeutig: Dieser Vorbau ist einfach ein Muss am Time-Rahmen. Während der Regentage hatte ich genügend Gelegenheit, diverse Alternativen zu testen, keine kam aber nur annähernd an den Monolink-Vorbau heran. Er fügt sich einfach perfekt ins Gesamtbild ein.

Markenzeichen eines jeden Time-Rades - der Monolink-Vorbau.
Abgeschlossen wurde der Aufbau mit einem Deda Newton-Lenker und schwarzem Easton-Lenkerband. Sicherlich wirkt am Time die Kombination von weissem Lenkerband und weissem Sattel besonders elegant, widerspricht aber meinen Erfahrungen in punkto Alltagstauglichkeit. Auch wenn es stilsicher gewesen wäre, original TIME-Pedale zu verwenden, habe ich meine geliebten Keo-Pedale von Look montiert. Ehrlich gesagt wäre es mir auch zu mühseelig, alle Schuhe auf andere Cleats umzurüsten. Das Gesamtgewicht des fahrbereiten Rades betrug mit diesen Pedalen dann 7,36 kg. Das reicht zwar noch nicht für die Leichtbau-Liga, wenn man aber bedenkt, welches Einspar-Potential allein der mit 1600 g alles andere als leichte Ksyrium-Laufradsatz bietet, dann wird schnell klar, dass mit alternativem Standardmaterial schnell die 7 kg-Grenze durchbrochen werden könnte.

Das feine Gewebe.
:: Die Jungfernfahrt
In den folgenden Tagen spannte mich das schlechte Wetter auf die Folter, denn die Jungfernfahrt sollte natürlich unter optimalen Bedingungen stattfinden, damit der Gesamteindruck nicht von Regen, Matsch und Wind getrübt würde. Dann war es endlich soweit: Strahlender Sonnenschein lockte uns hinaus ins Bergische Land, wo eine abwechslungsreiche Strecke Stärken und Schwächen des TIME offenbaren sollte. Schon beim Tragen des Rades beeindruckte das schlanke Oberrohr, das ganz anders in der Hand liegt, als das voluminöse Oberrohr des zuletzt von mir gefahren Scott S1. Auch der erste Antritt verlief vielversprechend, das TIME beschleunigt sehr agil und auch die Lenkung reagiert schonungslos direkt. Eine erste Bewährungsprobe bestand in einer äusserst holprigen Wegstrecke mit schlechtem Belag, auf dem das stocksteife Scott-Rad zuvor gnadenlos jeden Stoss an seinen Fahrer weitergegeben hatte. Das TIME ersparte mir hier den Tanz auf dem Sattel, wenn ich jemals so etwas wie Komfort auf einem Rennrad gespürt habe, dann hier!
:: Steif oder komfortabel?
Diese Eigenschaft warf natürlich sofort die Frage auf, ob nicht nur die Stösse angenehm im Rahmen verpuffen sondern auch die exorbitante Pedal-Power des Fahrers? Trotz allen Profi-Materials wurde mir aber schnell wieder bewusst, dass unsere gemeinsame Performance dann doch weit mehr von der eher geringen physischen Leistungsfähigkeit des Fahrers begrenzt wird denn von der Steifigkeit des Rahmens. Ich persönlich halte die oft leidenschaftlich geführte Diskussion für und wider die absolute Steifigkeit für übertrieben, was mir als 62-kg-Leichtgewicht aber auch leicht fallen mag.

Steuerzentrale.
Am Berg spielt das TIME dann seine Leichtfüssigkeit spürbar aus, es war eine wahre Freude, den Rahmen im Wiegetritt rhythmisch hin und her pendeln zu lassen. Auch die Gabel erwies sich dabei als absolut zuverlässig, trotz sehr aggressiv eingestellter Bremsen gab es keinerlei Bremsschleifen. Auch bergab war vom oft zitierten Flattern des TIME-Rahmens nichts zu spüren, wobei meine zurückhaltende Fahrweise das Rad aber auch nicht ans Limit führte, obwohl dies die leicht rollenden Ultremos auch in den Kurven jederzeit erlaubt hätten. Auf einer längeren Flachpassage nahm ich mir dann die Zeit, die Geometrie des TIME auszuloten.

Nicht die leichteste Stütze, aber schön.
Als relativ kleingewachsener Fahrer fahre ich für gewöhnlich mit nur geringer Überhöhung und sitze daher weniger gebückt als gestreckt auf dem Rad. Die gewählte Rahmenhöhe von 53 weist wegen des leichten Slopings des Rahmens eine effektive Oberrohrlänge von 54 cm auf, die sich bequem aber auch hinreichend sportlich fahren lässt. Bei tiefem Griff in den Newton-Lenker stellt sich sofort das gewohnte Renngefühl ein und es macht Spass, den Fahrtwind dergestalt mit gesenktem Haupt zu durchschneiden. Fazit: Die erste Probefahrt machte Lust auf mehr, auch auf die angedeuteten vorwiegend optischen Aufwertungen. Sicherlich macht auch das TIME aus dem Hobby-Pumpenfahrer keinen König der Landstrasse. Aber er kommt sich damit ein gutes Stück mehr so vor. Und in Zeiten wie diesen ist alles willkommen, was dem radsportlichen Lustgewinn förderlich ist. Don't be short of TIME.
:: Kommentar vom Radpanther
Wohl zuviel Procycling gelesen, was? Übrigens hat der Mensch vor der ersten Ausfahrt die Sattelstütze wohl etwas lasch geklemmt, die ist ihm nämlich unterwegs 2 cm reingerutscht, nachdem er das korrigiert hatte, war der Fahrspass gleich nochmal so gross!